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Der Maestro

Der Maestro

Kurz vor der Oscarnacht präsentieren wir Ihnen erneut das Interview von Nick Mason mit Ennio Morricone, der 2016 den Oscar für die Filmmusik von "The Hateful 8" bekommen hat
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Nick Mason & Jason Barlow

Die ganze Musik aufzulisten, die vom großen Ennio Morricone geschrieben und produziert wurde, würde den Rahmen mehr als sprengen. Allein seine Film- und Fernsehmusik umfasst 500 Werke, von denen jedes unweigerlich zahlreiche Soundtrack-Passagen für gewisse Szenen enthält und unterschiedlichste Stimmungen hervorruft. Außerdem hat er zeitgenössische Musik, Popsongs, eine FIFA WM-Hymne, Arrangements und Jazzstücke geschrieben. Er könnte der vielleicht produktivste Komponist in der Musikgeschichte sein.

 

Nick Mason: Zunächst sollten wir vielleicht erwähnen, dass Pink Floyd drei Film-Soundtracks geschrieben haben...

Ennio Morricone: [lächelt] Es gibt viele Musiker und Songwriter, die manchmal aus Versehen Filmmusik schreiben. Die Arbeit eines Filmkomponisten wie mir besteht darin, Musik für den Film zu schreiben. Das ist etwas ganz anderes. Damit möchte ich keineswegs die Bedeutung der Musik schmälern, die ihr für die Filme komponiert habt. Denn, wenn der Regisseur an euch herangetreten ist, wollte er, dass eure Persönlichkeit in den Film einfließt. 

NM: Hatten Sie während des kreativen Prozesses viele schwierige Zeiten mit Regisseuren?

EM: Ich hatte mit fast allen Regisseuren, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ein paar schwierige Momente. Das lässt sich fast nicht vermeiden, wenn man ein Filmkomponist ist! Nach dem Treffen mit dem Regisseur legt man seine Ideen vor, nachdem man lange über dem Skript „meditiert“ hat. Der Regisseur sagt vielleicht „ja“, aber er wird vermutlich ein paar Gegenvorschläge haben. Manchmal war ich völlig schockiert und entsetzt, weil die Vorschläge so gar nicht dem entsprachen, was ich mir vorgestellt hatte. Aber - und das war eine gute Übung für mich, um zu verstehen, wie das Ganze funktionierte - ich habe immer versucht, etwas aus den Vorschlägen des Regisseurs herauszuholen, das zu mir passen könnte, woran ich vielleicht nicht gedacht hatte, womit ich aber meine Persönlichkeit in den Vordergrund rücken konnte. 

Morricone im Gespäch mit Nick Mason<br/>Photo: Alex Lake
Morricone im Gespäch mit Nick Mason
Photo: Alex Lake

THE OFFICIAL FERRARI MAGAZINE: Bernardo Bertolucci hat einmal gesagt, dass Ihre Musik fast sichtbar wird. Wie schaffen Sie das?

EM: Das sind Bertoluccis Worte, also weiß ich nicht, ob ich das schaffen kann. Was ich aber weiß, ist, dass jeder verschiedene Dinge hört und fühlt. Die Musik unterstützt und verstärkt die Gefühle, die der Regisseur vermitteln möchte. Filmmusik ist kein Element für sich, die Musik ist immer mit den Bildern verknüpft.

NM: Ich denke, es ist stärker als das. Wenn Sie die beiden Elemente trennen, haben sie weniger Wert. Aber die Kombination ist so kraftvoll.

EM: Wenn Sie die Musik hören, die ich für Filme schreibe, werden Sie sehen, dass sie eigenständig ist, sie ist unabhängig und hat ihre eigene Persönlichkeit. 
Aber wenn Sie sie in Zusammenhang mit dem Film hören, gibt es eine Art von gegenseitigem Austausch. Die Musik gibt den Bildern etwas, und die Bilder geben der Musik etwas zurück. Wichtig ist jedoch, dass meine Musik ihre eigene Kraft als eigenständige Schöpfung hat. 

Morricone dirigiert das Orchester Roma Sinfonietta<br />
<em>Photo: Getty Images</em>
Morricone dirigiert das Orchester Roma Sinfonietta
Photo: Getty Images

TOFM: Sie schreiben auch an Ihrem Schreibtisch, anstatt am Klavier zu komponieren...

EM: Das ist nicht ungewöhnlich. Viele große Komponisten arbeiten auf diese Weise. Wenn ein Komponist Klavier spielen muss, um die Wirkung der Musik zu erkennen, oder wie sich die Musik anhört, dann ist das eher amateurhaft. Ein echter Komponist weiß genau, welchen Effekt seine Musik erzielt, auch wenn er nur Noten auf Papier schreibt. Wenn Sie die Musik hören müssen, um zu erkennen, welche Wirkung sie haben wird, nun ... Das bin einfach nicht ich. Alle Komponisten arbeiten so - ich bin kein Phänomen in dieser Hinsicht.

NM: Immer mehr Menschen nutzen heute einen Computer, sodass die Musik beim Spielen notiert wird. Haben Sie das versucht?

EM: Nein. Musik muss klassisch komponiert werden, mit einem Bleistift auf Papier! Mit einem Computer sieht man nur einen kleinen Ausschnitt des Notenspiegels. Mir hilft das Schreiben auf einer großen Seite, in einem größeren Format zu denken und zu schreiben, bevor die verschiedenen Stimmen aufgeteilt werden. Bei viel Platz kommen mir eine Menge Ideen. Also könnte ich nie einen Computer benutzen.

Morricone auf der O2 Arena in London<br /><em>Photo: Getty Images</em>
Morricone auf der O2 Arena in London
Photo: Getty Images

TOFM: Haben Sie schon einmal einen Ferrari V12 bei Vollgas gehört? Ein 6- und 12-Zylinder-Motor besitzen eine harmonische Qualität.

EM: Ich fürchte, ich kann keinen Unterschied erkennen! [ahmt ein lautes Röhren nach] Der Rhythmus ist die Wiederholung von etwas. Der Sound eines Motors kann ein Timbre haben, aber ich glaube nicht, dass es hier einen echten Rhythmus gibt.

 

NM: Würden Sie jemals bei einem Film Regie führen?

EM: Tatsächlich hat mich einmal jemand darum gebeten. Aber nein, das würde ich niemals tun.

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