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KOPF-AN-KOPF-RENNEN TROTZ ABSTAND

KOPF-AN-KOPF-RENNEN TROTZ ABSTAND

Die Formel 1 startet am 5. Juli endlich wieder durch: Doch während die Rennstrecken vorübergehend gesperrt waren, fanden unsere Piloten eine taugliche Alternative. Wir zeigen Ihnen, wie sich unser ‚Team‘ - von Charles Leclerc über die jungen Talente der Ferrari Driver Academy bis hin zu den professionellen Sim-Fahrern - durch das Training mit Simulatoren bestens in Form gehalten hat. Ohne die Lust auf Siege zu verlieren.
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Davide Marchi

Die Pandemie, die Ende 2019 in China explodierte und in den letzten Wintertagen schließlich Europa erreichte, hat den diesjährigen Formel-1-Kalender gründlich durcheinander gebracht. Der gesamte Zirkus stand still, die Formel-1-Fahrer Charles Leclerc und Sebastian Vettel und alle Piloten der Ferrari Driving Academy, die in den Feeder-Kategorien fahren, mussten zu Hause bleiben. Das bedeutete allerdings nicht, dass die Talente der Scuderia Däumchen drehten. Vielmehr saßen sie an einem Simulator, am Steuer eines virtuellen Autos. Der Kick der Geschwindigkeit ist ganz einfach zu stark für Leute, die es gewohnt sind, statt im Büro im Cockpit zu sitzen.

Und auch Champions wie Charles Leclerc und Sebastian Vettel, die keine Simulatoren zu Hause stehen haben, sorgten eiligst dafür, sich welche zu beschaffen. Die Maschinen, die sie erhielten, ähneln nicht im Entferntesten dem ‚Spider‘ in Maranello, wie der FDA-Simulator von den Kadetten genannt wird. Aber das macht nichts: Es hilft den Piloten dabei, sicherzustellen, dass sie ihr Gefühl für das Lenkrad nicht verlieren, es trainiert die Reflexe und vor allem erlaubt es den Fahrern, ihre Freunde aus dem Fahrerlager zu treffen und sie in den unterschiedlichsten Rennen herauszufordern.
 

Der jüngere Bruder von Charles Leclerc, Arthur, trat Anfang dieses Jahres der Ferrari Driver Academy bei <em>Foto: Olivier Metzger</em>
Der jüngere Bruder von Charles Leclerc, Arthur, trat Anfang dieses Jahres der Ferrari Driver Academy bei Foto: Olivier Metzger

Angesichts der explosionsartigen Beliebtheit von Online-Rennen witterten die F1-Organisatoren eine Chance und beschlossen, es mit Web-Racing zu versuchen. Damit war ‚We Race On‘ geboren. Dieses neue Programm ersetzte die echten Rennen, die aufgrund von Covid-19 auf später verlegt wurden, durch virtuelle Grand Prix. Die F1 lud alle Teams zur Teilnahme ein, Ferrari nahm das Angebot an und schickte sein FDA Hublot Esports Team ins Rennen, das erst vor etwa einem Jahr speziell für die Teilnahme an den Esports-Meisterschaften ins Leben gerufen worden war. Es wurden zwei unterschiedliche Wettbewerbskategorien geschaffen: Einerseits Pro Exhibition Race, die professionellen Sim-Fahrern wie David Tonizza und der jüngsten FDA-Neuverpflichtung, Enzo Bonito, vorbehalten war; und andererseits Virtual GP, bei der echte F1-Fahrer, ‚einstige Größen‘ aus dem Motorsport und Berühmtheiten aus anderen Sportarten und dem ‚Star-System‘ einander herausforderten.

David Tonizza, aktueller Formel-1-Esport-Champion, trainiert auf seinem Simulator <em>Foto: Alessandro Gandolfi / Parallelozero</em>
David Tonizza, aktueller Formel-1-Esport-Champion, trainiert auf seinem Simulator Foto: Alessandro Gandolfi / Parallelozero

Leclerc kam an seinem eigenen Simulator ziemlich schnell in Fahrt und trainierte mit Tonizza und Bonito. Nie zuvor waren die beiden E-Champions bei den Scuderia-Piloten derart gefragt. Sie wollten nun von ihnen alle Geheimnisse wissen, wie man in virtuellen Rennen schneller fahren kann. „Ich wurde mit Charles und weiteren professionellen FDA-Fahrern in Kontakt gebracht. So konnte ich ihnen die Fahrtechniken erklären, mit denen sie am meisten aus ihren Simulatoren herausholen konnten“, erklärt Tonizza, der aktuelle Formel 1 Esports-Champion. „Ich war von ihrem professionellen Herangehen sofort beeindruckt. Keine ‚Gut-genug‘-Einstellung, keinerlei Unterschätzung der Schwierigkeiten dieser Aufgabe.“ Nach einer Vorbereitungsphase stieß der monegassische Fahrer für den zweiten Termin der Saison zum Rest der virtuellen F1-Gruppe. An Leclercs Seite war im Virtuellen Großen Preis von Vietnam (der eine simulierte Melbourne-Strecke verwendet, da es 2019, in der letzten F-Edition, keine Hanoi-Rennstrecke gab) niemand anderer als sein Bruder Arthur. Charles, der in der Zwischenzeit zu einem erfahrenen Anwender von Twitch geworden war (der Multiplayer-Onlineservice von Amazon ist die bevorzugte Plattform von Sim-Fahrern), siegte sowohl bei seinem Debüt-Rennen als auch beim Virtuellen Großen Preis von China.

Charles hatte bereits zwei (echte) Grand Prix-Etappen gewonnen. Dennoch ist er ein 22 Jahre alter ‚Junge‘ und verstand sofort, dass die Welt der Videospiele eine gute Möglichkeit ist, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben. Zusätzlich zu der Zeit, die er mit dem Simulator verbringt, wechselt Leclerc zwischen Training und sozialem Engagement ab, beispielsweise, indem er alten Menschen in Monaco Mahlzeiten lieferte. „Was auf der Welt passiert ist, ist furchtbar“, sagt der junge Rennfahrer. „Ich glaube, dass wir Fahrer, wie auch die anderen Sportler, dazu beitragen müssen, ein bisschen Licht in diese dunklen Wochen zu bringen. Ich habe festgestellt, dass die Leute Spaß daran hatten, mir beim Spielen zuzusehen, und dass es ihnen gefiel, wie ich mit ihnen zwischen den Rennen interagiert habe. Deshalb beschloss ich, so aktiv wie möglich zu sein und zu versuchen, ein Minimum an Friedlichkeit und Unbeschwertheit zu vermitteln.“ Um seinen Followern Spaß zu bereiten, erschien er bei einem Online-Rennen sogar in einem Bananen-Kostüm.

Enzo Bonito, kürzlich Rekrut des Hublot Esports-Teams der Ferrari Driver Academy <em>Foto: Alessandro Gandolfi / Parallelozero</em>
Enzo Bonito, kürzlich Rekrut des Hublot Esports-Teams der Ferrari Driver Academy Foto: Alessandro Gandolfi / Parallelozero

Viele andere FDA-Fahrer haben sich Leclerc beim virtuellen Grand-Prix-Programm ‚We Race On‘ angeschlossen: von Callum Ilott bis Enzo Fittipaldi, von Charles’ Bruder Arthur bis Antonio Fuoco, seinem Ex-Teamkollegen aus dem Prema Formel 2-Rennstall, der aktuell FDA-Trainer ist. Sogar Sebastian Vettel nahm an dem Spiel mit der Nachstellung eines historischen Rennens am Steuer eines virtuellen Brabham teil. Während die Welt darauf wartete, dass der echte F1-Zirkus die Motoren wieder anwirft, konnte Eracing den Fans etwas von dem Kick geben, den sie vermissten. Nun ist es an der Zeit, zur (nicht virtuellen) Wirklichkeit zurückzukehren.

 

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