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Wer hat, hat Recht ...

Wer hat, hat Recht ...

Jede Ausgabe des Official Ferrari Magazine enthält eine Kurzgeschichte mit einem Ferrari im Zentrum. Von internationalen Autoren geschrieben, sind diese vom Design des Autos, seiner Farbe oder seinen technischen Eigenschaften inspiriert. In dieser Ausgabe präsentiert uns Ben Schott, Bestseller-Autor von 12 Büchern, eine römische Intrige, die vom neuen Ferrari Roma inspiriert ist. Alles beginnt damit, dass ein russischer Oligarch einen ‚Spezialisten‘ damit beauftragt, eine gestohlene Kopie eines Gedichtbands von Puschkin zurückzuholen ...
Text

Ben Schott

Das Wichtigste zuerst: Ich bin kein Dieb. Ja, ich stehle Dinge – oft, und höchst souverän. Aber ich stehle nur, was zuvor von anderen gestohlen wurde, und gebe es an seine rechtmäßigen Besitzer zurück. Ganz nach dem Motto: Wer's findet, dem gehört's, wer's verliert, hat Pech gehabt! Meine Kunden sind private Sammler, öffentliche Museen, Forschungseinrichtungen, religiöse Institutionen, Versicherungsunternehmen, sogar Nationalstaaten – kurz gesagt all diejenigen, bei denen die Bekanntgabe eines Diebstahls ebenso viel Schaden anrichten würde, wie der Diebstahl selbst. Wenn nicht sogar mehr: Denn würden Sie den Picasso der Familie einer Galerie leihen, die den Klimt eines Freundes verloren hat?
Jahrelang hat mich meine Arbeit kaum außerhalb von London, Paris, New York und Rom geführt, doch seit Kurzem muss ich mich auch in anderen Gegenden der Welt, in denen der Reichtum angekommen ist, zurechtfinden: Miami, Moskau, Mumbai – um nur ein paar der Städte mit M zu nennen. Auch wenn die ‚Bildende Kunst‘ immer mein wichtigstes Standbein bleiben wird, werde ich immer öfter damit beauftragt, den Diebstahl von Schmuck, Dokumenten, Autos und Kleidung (so viele Handtaschen!) ‚rückgängig' zu machen. Legalität ist ein heikles Thema. Ich verweise gerne auf den Grundsatz ‚Ubi non accusator, ibi non iudex‘ – wo kein Kläger, da kein Richter – da die Leute, die ich bestehle, selber Diebe sind. Oder eben Hehler, die den Diebstahl stillschweigend dulden. Echte Kriminelle neigen aus offensichtlichen Gründen deutlich weniger dazu, die Polizei zu rufen als ihre unschuldigen Opfer.
Was würde die Polizei tun, wenn ich sie anriefe? Die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht, weil ich niemals einem Polizisten begegnet bin. Zumindest nicht bis letzten Juni.

Der Ferrari Roma auf der Durchgangsstraße Foro di Traiano in Rom <em>Foto: Alex Bernstein</em>
Der Ferrari Roma auf der Durchgangsstraße Foro di Traiano in Rom Foto: Alex Bernstein

Meine Geschichte beginnt in Rom. Ich war von einem russischen Oligarchen, der in London lebt, beauftragt worden. Dieser hatte die Empfehlung von einem peruanischen Kurator einer italienischen Sammlung in Schweden (Gott sei Dank gibt es Google Translate!). Dieser Oligarch, nennen wir ihn Ivan, hatte eine Weihnachtsfeier in seinem Anwesen in Kensington veranstaltet und danach festgestellt, dass ein kleiner Gedichtband von Puschkin in seinem Bücherregal fehlte. Das Buch an sich war nicht wertvoll – nur eine von Tausenden von billigen, in Masse produzierten
Ausgaben – hatte aber seinen Großvater während eines ganzen Jahrzehnts im sibirischen Exil von Gulag zu Gulag begleitet. Für Ivan war der Gedichtband unbezahlbar, und Ivan kannte sich mit Preisen aus.
Eine ganze Armada aus Sicherheitskameras machte die Übeltäterin sofort ausfindig – die Trophy Wife eines amerikanischen Milliardärs hatte das Buch in ihrer Mini-Handtasche verschwinden lassen – aber meine Leute kostete es mehrere Monate geschickter Recherchen, um herauszufinden, in welchem ihrer sechs Häuser es gelandet war.
Ich machte gerade Urlaub in der Villa d’Este am Comer See, als die Nachricht eintraf: Palazzo ‚xxx‘ in der Via ‚yyy‘. Das Timing war perfekt: Die New York Fashion Week hatte gerade erst begonnen, also würden Mr und Mrs ‚zzz‘ mindestens sechs Tage lang in Manhattan sein. Ich packte eine Tasche und gab in das GPS meines Ferrari Roma die einzige Adresse ein, wo ich in der Ewigen Stadt immer logiere – das paradiesische Hotel Eden.
Ich habe nicht die Absicht, den bösen Buben (oder meinesgleichen) in die Hände zu spielen, also werde ich es tunlichst für mich behalten, wie ich das Buch zurückgeholt habe.
Hollywood porträtiert Einbrüche gerne als komplexe, hochtechnische Angelegenheit: ausgeklügelte Alarmsysteme, doppelte Wände, Geheimtüren, Laser. Aus meiner Erfahrung weiß ich aber, dass es keinen Sinn hat, erst lang Grundrisse und Schaltpläne zu studieren. Bei den Sicherheitskräften in Israel gilt die Maxime: „Suche den Bombenleger, nicht die Bombe“.Daran angelehnt, vertrete ich den Grundsatz: „Brich nicht das Schloss auf, suche nach einer offenen Tür“. Ein Strauß Blumen öffnet Türen oft schneller als jeder Dietrich.
So viel sei gesagt: Keine zwanzig Minuten, und ich spazierte mit dem Puschkin unter dem Arm wieder heraus.
Aber am nächsten Tag wurde es kompliziert.
Ich genoss gerade mein römisches Lieblingsessen in meinem römischen Lieblingsrestaurant, Da Fortunato, als ein weltmännisch wirkender, dunkel gekleideter Mann langsam, aber zielgerichtet an meinem Straßentisch vorbei ging. Ein paar Minuten später, nun flankiert von zwei Polizisten, kam er zurück und ging auf mich zu.
„Buongiorno, signore, parla italiano?“ murmelte er und zeigte mir diskret seinen Dienstausweis.
„Sì, un po’ – ma inglese ist einfacher.“
„Sie sind Amerikaner, wenn ich nicht irre?“
„Brite“, log ich. „Ein Tourist. Auf Urlaub.“
„Natürlich, Signore. Würden Sie uns
bitte begleiten?“
Ich deutete auf mein Vitello Tonnato, das ich noch nicht aufgegessen hatte. „Es ist gerade
etwas ungünstig.“
„Es tut mir leid, Signore, aber ich muss darauf bestehen.“
„Bin ich verhaftet?“
Er lächelte. „Natürlich nicht, Signore. Und machen Sie sich
keine Sorgen wegen der Rechnung, ich werde das dem Restaurant erklären.“
Seine eleganten Manieren konnten seine Entschlossenheit kaum verbergen, also stellte ich mein Weinglas ab und schob mich an meinen (höchst faszinierten) Tischnachbarn vorbei.
„Es ist nicht weit, Signore.“
Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich kein bisschen ängstlich war, als wir uns dem Commissariato Trevi Campo Marzio näherten – obwohl mich unser lässiges Tempo und die fehlenden Handschellen beruhigten. Wir gelangten über einen Seiteneingang in das Polizeirevier und ich wurde über eine Reihe von Hintertreppen in einen langen, schmalen, hell erleuchteten Raum geführt, auf dessen einer Seite sich ein riesiger Spiegel, natürlich ein Spionspiegel, befand.
„Die üblichen Verdächtigen?“ Ich zwang mich zu einem Lächeln. „Ah, sì. I soliti sospetti – assolutamente!“ erwiderte der Kriminalbeamte meinen Scherz, bevor er auf die Nummern deutete, die auf dem Boden aufgemalt waren. „Stellen Sie sich auf Nummer neun, bitte.“

 

Das leistungsstärkste Front-Mid-V8-Modell in Ferraris Aufstellung, hier am Milite Ignoto-Denkmal in Rom <em>Foto: Alex Bernstein</em>
Das leistungsstärkste Front-Mid-V8-Modell in Ferraris Aufstellung, hier am Milite Ignoto-Denkmal in Rom Foto: Alex Bernstein

Nun war ich schon etwas mehr angespannt. Da ich noch nie zuvor verhaftet worden war, schon gar nicht in einem fremden Land, wusste ich nicht wirklich, wie oder ob ich Einwände erheben sollte. Brauchten die Italiener Haftbefehle? Informierten sie einen über die eigenen Rechte? Hatte ich überhaupt irgendwelche Rechte? Ich habe natürlich Rechtsanwälte, aber in einer weit entfernten Zeitzone.
Die Tür öffnete sich, und neun weitere Männer schlurften herein, um sich auf die ihnen zugewiesenen Nummern zu stellen. Als wir einander über das Spiegelbild musterten, um unsere Ähnlichkeit zu beurteilen, ertönte ein lautes summendes Geräusch und das Mikrofon schaltete sich knacksend ein.
Die Anweisungen erfolgten auf Italienisch und ich tat es meinen Mitverdächtigen gleich.
„Gira a sinistra ... e a destra ... mani nelle tasche ... chiudi gli occhi ...“
Dann rutschte mir das Herz in die Hose.
„Numero nove ... passo in avanti ... scusi ... Nummer neun, ein Schritt nach vorne, bitte... umdrehen... und nach links... ziehen Sie Ihre Jacke aus... ein Schritt zurück... okay, danke.“
Das Mikrofon wurde ausgeschaltet, und ich warf einen Blick in den Raum, um zu sehen, ob es irgendwelche Fluchtmöglichkeiten gab. Ich konnte keine entdecken.
Die Tür ging auf und wir marschierten hinaus.
„Signore“, sagte der Kriminalbeamte und zog mich am Ellbogen, „kommen Sie bitte mit.“
Er führte mich durch ein Labyrinth von Korridoren in einen Raum voller geschäftiger Polizisten in Uniform.
„Nun nehmen wir die impronte digitali – scusi, Ihre Fingerabdrücke.“
„Warten Sie! Wurde ich identifiziert?“
„Ja, Sir.“
Bevor ich mir einen Einwand zurechtlegen konnte, hatte mich der

Kriminalbeamte zu einem Tisch geführt, meine Hände eingefärbt und meine Finger in die Kästchen eines offiziellen Formulars abgerollt.
Als er fertig war, reichte er mir ein Feuchttuch. „Grazie, signore – Sie können jetzt gehen.“
Ich traute meinen Ohren kaum. „Posso partire?“ Er lachte. „Natürlich!“
„Aber wurde ich nicht identifiziert?“
„Schon. Der Hausmeister schwor bei allem, was ihm heilig war,
dass er Sie gesehen hatte. Aber er ist ein alter Mann. Er trinkt. Er ist verwirrt. Er ist so verwirrt, dass er einen unschuldigen britischen Touristen beschuldigt hat, den ich zufällig für eine Gegenüberstellung ausgewählt habe.“
Ich zeigte auf das Blatt mit den Fingerabdrücken.
„Ach ja“, er löste das Formular vom Klemmbrett und gab es mir. „Ein Souvenir.“
„Wirklich?“
„Ich gehe mit Ihnen zurück zu Da Fortunato und spendiere Ihnen ein Glas Wein.“ Und dann senkte er seine Stimme. „Ivan hat darauf bestanden.“

 

Der Author

Ben Schott (46) wurde in London geboren, hat in Cambridge studiert und ist Schriftsteller, Designer und Kreativberater. Seine 12 Bücher – darunter die Bestseller-Reihe Schotts Sammelsurium und Schotts Almanach – wurden etwa 2,5 Millionen Mal in über 21 Sprachen verkauft, auch in Brailleschrift. Sein erster Roman – Jeeves & The King of Clubs – ist eine Hommage an P. G. Wodehouse. Der Nachfolgeroman, Jeeves & The Leap of Faith, wird diesen Herbst erscheinen. Er schreibt Beiträge für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften wie The New York Times, Inc., Playboy und Vanity Fair. Sein Portfolio finden Sie auf benschott.com

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