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Automatik fürs Volk

Automatik fürs Volk

Der unaufhaltsame Aufstieg des Ferrari-Automatikgetriebes von der Formel 1 bis zum neusten Roma und SF90 Stradale
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Chris Rees

Angesichts der Tatsache, dass Ferrari erst 1976 – mit dem 400 GT – ein Modell mit Automatik-Option herausbrachte, ist es bemerkenswert, dass heute 100 % aller Ferraris, die vom Band rollen, eine Automatik-Gangschaltung haben. Wie kam es dazu?

Die Antwort ist ziemlich einfach – und sie besteht in dem bewährten Sprichwort, dass Rennen die Rasse verbessern. Die Scuderia Ferrari war zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Automatik-Kupplung in der Formel 1 bedeutende Leistungsvorteile brachte. Der Ferrari Tipo 640 F1 von 1989 war der erste Wagen mit Schaltwippe am Lenkrad, mit dem die Gänge ohne Kupplungspedal gewechselt werden konnten. Welche Vorbehalte auch immer man gegenüber diesem System haben konnte, sie wurden restlos ausgeräumt als bei der Premiere des 640 beim Großen Preis von Brasilien von 1989 Nigel Mansell das Rennen gewann.

Erst 1976 brachte Ferrari sein erstes Modell mit Automatikgetriebe auf den Markt: den 400
Erst 1976 brachte Ferrari sein erstes Modell mit Automatikgetriebe auf den Markt: den 400

Ferraris Erfindung revolutionierte die Welt des Motorsports – und darüber hinaus auch die der Straßenwagen. Mit nachgewiesenem Rennerfolg-Status war es nur eine Frage der Zeit, bis Automatikgetriebe mit Schaltwippen auch in Straßenautos eingebaut wurden.

Und bei dieser Entwicklung ging Ferrari mit seinem ersten automatischen Schaltgetriebe voran, das in den 355 F1 von 1997 eingebaut und aus ersichtlichen Gründen ,F1' getauft wurde. Der traditionelle H-Schalthebel war verschwunden. An seiner Stelle befanden sich zwei Knöpfe (einer, um zwischen Automatik und manuellem Modus hin- und herzuschalten, der andere für Fahrverhältnisse mit geringer Bodenhaftung) und ein kleiner Hebel, um in den Rückwärtsgang zu schalten. Doch die echte Neuheit spielte sich direkt hinter dem Lenkrad ab: Exakt wie bei einem Formel-1-Auto gab es dort ,Schaltwippen', mit denen der Fahrer manuell Gänge schalten konnte, ohne die Hand vom Lenkrad zu nehmen. Außerdem ging das Schalten blitzschnell – tatsächlich gab Ferrari die Garantie, dass der Schaltvorgang schneller war als bei der konventionellen Gangschaltung.

Der Formel-1-Renner Tipo 640 von 1989 war Vorreiter bei Radpaddeln, die ohne Kupplungspedal schalteten <em>Foto: M. Carrieri</em>
Der Formel-1-Renner Tipo 640 von 1989 war Vorreiter bei Radpaddeln, die ohne Kupplungspedal schalteten Foto: M. Carrieri

Es ist wichtig, sich vor Augen zu führen, dass das Sechsganggetriebe exakt dasselbe war wie beim F355. Nur die Methode der Gangschaltung war unterschiedlich, weil hier zum Schalten der Gänge Elektrohydraulik verwendet wurde. 

Auf den Ferrari 355 F1, der als erstes Straßenauto der Welt mit Schaltwippentechnologie Vorreiter dieser Entwicklung war, folgten andere. Schaltwippen wurden für Autos im Hochleistungsbereich rasch zu einem absolut grundlegenden technologischen Bestandteil. In der Tat maß Ferrari seinem Schaltwippensystem eine dermaßen hohe Bedeutung bei, dass bei der Entwicklung des Enzo 2002 die F1-Schaltung die einzig verfügbare Option war.

Das weltweit erste automatisierte Schaltgetriebe - der Ferrari &bdquo;F1&ldquo; - kam mit dem 355 F1 von 1997 an. Zwei Kn&ouml;pfe und ein Hebel bet&auml;tigten ihn
Das weltweit erste automatisierte Schaltgetriebe - der Ferrari „F1“ - kam mit dem 355 F1 von 1997 an. Zwei Knöpfe und ein Hebel betätigten ihn

Doch dabei Ferrari blieb nicht stehen. Der 599 GTB Fiorano von 2006 führte ein F1-Superfast-System der neuesten Generation ein, das die Zeit für den Gangwechsel mit nur 100 Millisekunden noch weiter absenkte. Der Fahrer konnte nun auch den eng mit dem Lenkrad-Manettino verbundenen Launch Control-Modus wählen, der ein sanfteres Anfahren aus dem Stillstand ermöglichte.

Ferraris erstes Doppelkupplungsgetriebe erblickte 2008 mit dem Californa das Licht der Welt. Diese Siebengang-Einheit besaß zwei Kupplungen, die automatisch vorab den nächsten Gang wählten. Das bedeutete eine Minimierung der Schaltzeit und schenkte dem Fahrer ein noch leidenschaftlicheres Erlebnis; gleichzeitig wurden Treibstoffverbrauch und Emissionen gesenkt.

Das F1-SuperFast-Getriebe wurde im 599 GTB Fiorano 2006vorgestellt und bietet blitzschnelle Gangwechsel und den Launch Control-Modus <em>Foto: Max Sarotto</em>
Das F1-SuperFast-Getriebe wurde im 599 GTB Fiorano 2006vorgestellt und bietet blitzschnelle Gangwechsel und den Launch Control-Modus Foto: Max Sarotto

Als nächstes kam dann als Ferraris erster Wagen mit Mittelmotor mit Doppelkupplungsgetriebe der 458 Italia von 2009 heraus, der mit eng beieinander liegenden Gängen die absolut schnittigste Leistung ermöglichte. Wie beim Enzo gab es hier keine Option mit manueller Gangschaltung, sondern nur Automatik. Dies erwies sich als ein wahrlich entscheidender Moment in Maranello. Zwar wurden einige Modelle in der Produktpalette weiterhin mit manueller Schaltung angeboten, doch die Käufer erkannten, dass das Automatikgetriebe bei Leistung und Komfort überlegen war. Der allerletzte Ferrari mit manuellem Getriebe lief 2011 vom Band.

Das letzte Jahrzehnt verlief bei Ferrari ausschließlich ,automatisch'. Eine neue Ära brach dann 2019 mit der Einführung der neuen SF90 Stradale- und Roma-Modelle an, die mit einem frischen Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe ausgestattet sind, das kompakter und leichter ist als der Siebengang-Vorläufer. Der Gangwechsel ist schneller und reibungsloser dank einem Öl mit niedriger Viskosität und Trockensumpfkonfiguration, wodurch eine noch höhere Reaktionsfähigkeit auf offener Straße und extra Komfort in der Stadt bei gleichzeitiger Absenkung von Kraftstoffverbrauch und Emissionen gewährleistet ist. Das Getriebe des SF90 Stradale bietet noch eine weitere Innovation: Es kommt ohne Rückwärtsgang aus, da hierfür der eingebaute Elektromotor zuständig ist.

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