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DER BEGINN EINER LEGENDE

DER BEGINN EINER LEGENDE

Vor hundert Jahren unterzeichnete Enzo Ferrari einen Fahrervertrag mit Alfa Romeo. Er sollte viele wichtige Rennen gewinnen, vor allem aber eine Beziehung zur sogenannten „Casa del Biscione“ aufbauen, die zwanzig Jahre dauern und ihn zum Direktor der Rennsportabteilung Alfa Corse machen wird. Und die ihn dazu inspirieren wird, sein eigenes Automobilunternehmen zu gründen.
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Vincenzo Borgomeo

Vor hundert Jahren unterzeichnete Enzo Ferrari seinen ersten Fahrervertrag mit Alfa Romeo. Vor hundert Jahren wurde die Saat für das gesät, was Jahre später Ferrari werden sollte. Wenn Enzo Ferrari nicht als Rennfahrer bei Alfa Romeo begonnen hätte, hätte er höchstwahrscheinlich nie die Scuderia Ferrari gegründet – und auch das Unternehmen aus Maranello gäbe es nicht. Doch in der Geschichtsschreibung haben „Wenns“ nichts verloren.

Enzo Ferraris erste Annäherung an Alfa Romeo kann auf das Jahr 1920 datiert werden: Nach einer kurzen Zeit als Rennfahrer bei Isotta Fraschini, debütiert der junge Enzo bei der Targa Florio als Vertragsfahrer von Alfa Romeo. Und sofort sorgt er für einen Triumph: Enzo macht den ersten Platz in seiner Kategorie und den zweiten in der Gesamtwertung. „Ich habe“, so Ferrari, „insgesamt – Preisgelder eingerechnet – 12.000 Lire verdient, aber das, was für mich an diesem Tag wirklich zählte, war, dass ich nun offiziell im Rennstall von Alfa Romeo aufgenommen war.“ Und er sollte Recht behalten. Dieser Moment markierte eine Wende in seinem Leben und er erzielte einen großen Erfolg nach dem anderen: Von April 1924 bis Mai 1928 gewann er nacheinander alle Rennen, an denen er teilnahm.

Ferrari und Mechaniker Michele Corso beim 1920er Targa Florio, Enzo erstes Rennen mit Alfa Romeo
Ferrari und Mechaniker Michele Corso beim 1920er Targa Florio, Enzo erstes Rennen mit Alfa Romeo

Denn ja, Enzo Ferrari war gut: Er wurde sehr früh in den unschlagbaren Rennstall von Alfa Romeo aufgenommen – sein Debüt als Rennfahrer hatte er erst wenige Jahre zuvor, im Jahr 1919, gegeben, als er als Fahrer beim Bergrennen Parma–Poggio di Berceto angetreten war und es in der Kategorie 3000 auf den vierten und in der Gesamtwertung auf den elften Platz geschafft hatte. Für ihn war der Rennsport alles: persönliche Befriedigung, ein Mittel, um sich zu beweisen, der Wunsch, sich zu behaupten. „Ich glaube nicht, mich als Rennfahrer schlecht geschlagen zu haben“, sollte er später oft sagen. Und damit hatte er Recht: Neun Siege in 39 Rennen – für einen Neuling im Rennsport war das zu jener Zeit kein schlechtes Ergebnis ...

Außerdem darf man eines nicht vergessen: Als Ferrari mit den Rennen begann, war der Motorsport ein Beruf für echte Draufgänger. Bereits lebendig im Ziel anzukommen, war eine außergewöhnliche Leistung: Begrenzte Mittel, das ständige Risiko, auch bei eigentlich „banalen“ Unfällen den Tod zu finden, und schon damals eine wirklich harte Konkurrenz. Das zweite Rennen, zu dem Ferrari antrat, war die Targa Florio von 1919, abermals am Steuer eines CMN. Die Sache nahm sofort einen schlechten Start: Am Morgen des Rennens blieb er für fast zwei Stunden im Aufzug seines Hotels stecken, sodass sich seine Abreise verzögerte. Das Rennen lief nicht gut: Ferrari fuhr über die Ziellinie, als das Publikum und vor allem auch die offiziellen Zeitnehmer bereits gegangen waren. Auf ihn wartete nur ein Carabiniere mit einer großen Uhr, der in einem Register die Zeiten und die Reihenfolge der ankommenden Nachzügler notierte: „Neunter“ war der Kommentar des jungen Carabiniere, dessen Uniform voller Staub war. Dann, im Jahr darauf, der große Coup: Enzo Ferrari macht bei der anspruchsvollen und zermürbenden Targa Florio den zweiten Platz in der Gesamtwertung. Die Welt des Motorsports war verblüfft über dieses neue, unbekannte Talent. Und Alfa Romeo schnappte sich den Piloten sofort – im Oktober 1920 unterzeichnete Ferrari den Vertrag mit dem Unternehmen. Ferrari beginnt, die Straßenrennen zu erobern, wird immer besser. So gut, dass Alfa Romeo entscheidet, ihn mit nur 26 Jahren bei den internationalen Grand-Prix-Wettbewerben debütieren zu lassen, die man als die Formel 1 jener Zeit bezeichnen könnte. 

Enzo Ferrari am Steuer eines Alfa Romeo RL zu Beginn des Targa Florio, 1923
Enzo Ferrari am Steuer eines Alfa Romeo RL zu Beginn des Targa Florio, 1923

Wir schreiben das Jahr 1924, und die Geschichte, die jetzt kommt, ist bis heute ein Rätsel: Enzo Ferraris erstes Rennen steht bevor – der Große Preis von Frankreich in Lyon. Alfa Romeo will ihn in einem seiner unschlagbaren P2 antreten lassen. Die anderen drei sind für Giuseppe Campari, Luis Wagner und Antonio Ascari vorgesehen – alle drei bereits damals Legenden. Ferrari tritt jedoch nur zu den Testfahrten an, dann kehrt er plötzlich nach Italien zurück. Am Großen Preis von Frankreich nimmt er nicht teil. Warum? Das bleibt ein Geheimnis. Noch heute ist diese Episode unter den Fans als „das Rätsel von Lyon“ bekannt.

Doch Ferrari lässt sich nicht aufhalten. Es ist der Anfang, nicht das Ende seiner Legende. Genau vor hundert Jahren hat alles begonnen: Ferraris Zusammenarbeit mit Alfa Romeo dauerte zwanzig Jahre, in denen er bald als Testfahrer, bald als Fahrer, bald als kaufmännischer Mitarbeiter und schließlich als Direktor der Abteilung Alfa Corse tätig war. Am 14. Juli 1951 dann das historische Ereignis: José Froilán González fährt beim Großen Preis von Großbritannien in Silverstone mit seinem Ferrari vor dem von Alfa Romeo ins Rennen geschickten Wagen ins Ziel. Ein Sieg, an den sich die Ferrari-Fans bis heute erinnern und der den Beginn einer neuen Ära für das Unternehmen aus Maranello markiert. Alfa Romeo war für immer geschlagen. „Ich fühle mich, als hätte ich meine Mutter getötet“, sollte Enzo später sagen. Die Legende Ferrari war geboren.

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