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Die neue Ferrari Classiche Academy

Ein Automobilhistoriker meldet sich für die neue Ferrari Classiche Academy an. Er möchte lernen, wie man das Beste aus Oldtimer-Rennwagen herausholt
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Giosuè Boetto Cohen

Menschen, die vor vierzig Jahren mit dem Fahren begonnen haben, taten dies mit einer Geisteshaltung, die sich sehr von unserer heutigen unterscheidet. Das war das Argument, das Gigi Barp, der Leiter von Ferrari Classiche, vorbrachte, um mich zu überzeugen, ihren neuen Fahrkurs zu besuchen. Meine Mitschüler sind vier Italiener, zwei Amerikaner, ein Franzose gemeinsam mit seinem Sohn, zwei befreundete Japaner und ein Engländer. Wir finden uns bald unter einer Werkstattrampe wieder und starren auf den Karosserieboden eines 308 GTB: der Oldtimer, der uns in unsere Schulzeit zurückkatapultieren wird. Vernünftigerweise beginnt der Kurs mit der Anatomie des Wagens, seinem Design und seinem Konstruktionsprinzip. 

Die unsicheren Gesichtsausdrücke meiner Mitschüler verraten bald, dass in unserer Gruppe eigentlich nur zwei gerne ihre Hände beim Wechseln des eigenen Öls und der Filter schmutzig machen. Doch wir alle haben bald eine sehr viel klarere Idee davon, aus was ein Handschaltgetriebe, eine Trockenkupplung, eine Direktlenkung und eine Parallelogrammaufhängung besteht. Ein Mechaniker der Academy erklärt uns ausführlich die Genese von allen acht Zylindern des Autos. Gegen Vormittag erscheint ein herrliches Exemplar auf einem Stützbock, seine Bauteile teilweise zerlegt. Als wir es nur eine Armlänge von uns entfernt aufheulen hören, verstehen wir, mit was für einem Biest wir es hier zu tun haben.

Die nächste Schulungseinheit ist den Fahrtechniken gewidmet, wobei ein Schwerpunkt auf dem richtigen Schalten und der schicksalhaften Spitze-Hacke-Technik liegt. Mittags befinden wir uns draußen auf der Rennstrecke. Zuerst beobachten wir unseren Lehrer (seine Füße, seine Hände, den Drehzahlmesser), dann versuchen wir, es ihm nachzutun, wobei wir nervös versuchen, uns an alles zu erinnern. Schließlich steigt unsere Zufriedenheit – und mit ihr die Geschwindigkeit. Das Academy-Programm ist ein erster Schritt in Richtung Oldtimer-Welt: Unter anderem werden Gleichmäßigkeitsprüfungen und Trainingseinheiten auf öffentlichen Straßen und Rennstrecken organisiert, inklusive Roadbook und Pressostat/Photozelle.

Die Schüler folgen dem "Lehrer", der die wichtigsten Merkmale des Wagens auf der Rampe erklärt <em>Foto: Bernard Rouffignac</em>
Die Schüler folgen dem "Lehrer", der die wichtigsten Merkmale des Wagens auf der Rampe erklärt Foto: Bernard Rouffignac

Der 308 ist das perfekte Auto für einen Full-Immersion-Kurs wie diesen. Auch wenn man sein ganzes Leben lang noch nie in einem gesessen hat, fühlt man sich in ihm sofort zuhause. Innen ist er spartanisch ausgestattet, auf das Essentielle beschränkt. Herr „Professor“ Barp weist mich mit einigen erklärenden Worten darauf hin, wie wichtig es ist, richtig in die Mitte der Schaltkulisse zurückzukehren. Doch ich muss meine Instinkte kontrollieren, da für das Fahren auf Rennstrecken abrupte oder erzwungene Bewegungen nicht sehr förderlich sind.

Die Kupplung ist schwergängig, aber nicht wirklich schlecht. Ein paar Mal höre ich ihn durch meinen Helm: „Pass auf, wenn du sie loslässt!“ Ich halte die Drehzahlen problemlos zwischen 4.000 und 6.000, als ich die Kurven von Fiorano in den Griff bekomme. Unser Fahrlehrer erklärt uns Meter für Meter, wo wir lang fahren und in welche Richtung wir zielen sollen. Ich bin lange keine Rennen gefahren, deshalb bitte ich ihn, mich langsam heranzuführen. Das tut er nicht. Doch alles läuft genauso, wie es sollte. Nach zwei Tagen fühlt es sich so an, als ob ich bereits mein ganzes Leben lang einen 308 fahren würde.

Drei 308 GTB für Studenten der Classic Academy stehen an <em>Foto: Bernard Rouffignac</em>
Drei 308 GTB für Studenten der Classic Academy stehen an Foto: Bernard Rouffignac

Während wir den Platz am Steuer wechseln, erklärt uns der „Professor“ die Philosophie der Schule: Sammler erneut an das manuelle Fahren heranführen, Zweifel ausräumen, Ängste nehmen. Nicht nur die der Autobesitzer, sondern auch die ihrer Partner und Kinder. Leute, die oft Abstand von den Autos „von gestern“ halten und folglich puren Fahrspaß verpassen und auch ein Stück Geschichte.

Ich fahre allein fünf ganze Runden: wie ein großes Finale, das niemals enden soll. Als die Sonne tief über Fiorano steht, kommen zwei Testfahrer, der älteste nicht älter als 25, um einige Runden mit den Fotografen zu drehen. „Mach langsam, okay?”, sagt der jüngere zu seinem Kollegen. „Ich habe dieses Auto hier nur zweimal gefahren.” „Was?!”, schreie ich auf. „Sogar ihr habt vergessen, wie man damals zu Zeiten des „Drake“ fuhr?!” Alle lachen. „Natürlich nicht“, antworten sie. „Aber verglichen mit dem, was wir hier jeden Tag testfahren, ist das eine andere Welt.”

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